Fanø - Bernsteinsammeln

Eine gänzlich eigene Freizeittätigkeit
(Geschrieben von besserer, männlicher Hälfte)

Fanø ist außergewöhnlich reich an Bernstein, der bei bestimmten Wetterlagen in erstaunlichen Mengen an den Strand gespült wird. Nicht immer ist Bernsteinwetter, aber man bekommt im Laufe der Jahre ein Gespür dafür, wann es Zeit ist, loszugehen. Man weiß irgendwann auch genau, wo die guten Stellen sind und in welchem Schwemmmaterial die größte Ausbeute zu erwarten ist.

Bernstein übt eine Faszination aus, der viele Menschen ganz unerwartet erliegen. Wie anders sollte man sich erklären, dass erwachsene Menschen gebückt in Gummistiefeln und gelber Wachstuchjacke, in der Hand einen Stock, ein Schippchen oder ein Fischnetz (und in der Tasche ein Glas für die Ausbeute) am Wasserrand über den Strand schleichen, den Blick fest auf den Boden geheftet? So nämlich sieht man den typischen Bernsteinsammler. Ich gehöre auch dazu.

Waren nicht schon unsere Vorfahren Jäger und Sammler? Und ich schäme mich auch nicht für diese Sammelleidenschaft und ertrage mannhaft den oftmals süffisant geäußerten Spott meiner besseren Hälfte. Oder den der Insulaner, wobei diese ja selber nach Bernstein suchen. Aber die fahren mit dem Moped knatternd über den Strand, hinten eine Kiste auf dem Gepäckträger und in der Hand ein Fischnetz.

Bernsteinketten finde ich hässlich. Auch sonst finde ich Bernsteinschmuck nicht schön. Er scheint mir gut für alte Damen zu sein. Oder für Bernsteinzimmer dort gefällt er mir wiederum sehr gut. Der Geldwert von Bernstein ist gering, mit Ausnahme besonders schöner und großer Stücke, die natürlich nur die Profis finden. Aber was ist es dann, was einen so sehr fesselt?

Meine Antwort nach fast 10 Jahren emsigen Bernsteinsammelns lautet schlicht und ergreifend: Es ist gar nicht der Bernstein an sich, sondern eher die Tätigkeit des Bernsteinsuchens. Man schleicht so vor sich hin, versunken in seine Gedanken, niemand nervt, und natürlich hofft man im Stillen, vielleicht doch über den ultimativen Bernsteinklumpen zu stolpern. Wirklich finden tut man meistens nur klitzekleine Bernsteinstückchen von Stecknadelkopfgröße bis hin zur Erbsengröße, - sehr kleine Erbsen, versteht sich! Aber auch das ist ein Erfolg. Nach zumeist mehrstündiger Suche wird das Reinigen, Trocknen und Sortieren geradezu zelebriert und das Ergebnis bestaunt: Alles meins! Und das Ergebnis meines unermütlichen Sammelns kann sich nach vielen Jahren auch durchaus sehen lassen. Stolze 308 Gramm Bernstein habe ich der Nordsee auf Fanø abgetrotzt. (Anm. der anderen besseren Hälfte: vorwiegend in Gries-Größe!)

Bernsteinsammeln ist pure Erholung, gut gegen Stress, Balsam für die Seele, Nahrung für das Ego und zeigt dem passionierten Sammler, wie relativ Zeit ist. Die goldbraunen und gelben Krümel, die von manchem Mitmenschen müde belächelt werden, sind locker 20 Millionen Jahre alt.

Für mich ist Fanø-Urlaub ohne Kopfauslüften und Seeledurchpusten beim Bernsteinsammeln nicht vorstellbar. Die Alltagsprobleme scheinen plötzlich klein und unbedeutend und weichen schon bald einer heiteren Gelassenheit. Probieren Sie es doch selbst einmal.